Virendranath Chattopadhyaya [1880-1937] – Indien | Vereinigtes Königreich | Deutschland | Belgien | Frankreich | Schweden | Russland
Lebensgeschichten
Toby Housden, 2024
Virendranath Chattophadyaya, oder „Chatto“, war der Inbegriff eines transnationalen Revolutionärs und widmete sein Leben dem indischen Nationalismus und dem Kampf gegen den britischen Kolonialismus. Sein revolutionärer Eifer führte ihn von seinem Studium in London durch ganz Europa – auf der Suche nach Unterstützung und Verbündeten für die globale Kampagne gegen die britische Herrschaft.
Der zentrale Knotenpunkt seiner europäischen Odyssee war Berlin. Hier war er Mitbegründer des Berliner Komitees, das später als Indisches Unabhängigkeitskomitee bekannt wurde, einer Organisation, die während des Ersten Weltkriegs ein Bündnis mit Deutschland einging, um indische Aufstände zu unterstützen. Während und nach dem Krieg reiste Chatto von seinen Standorten in Berlin und Stockholm aus zu Konferenzen und knüpfte persönliche Kontakte zu anderen sozialistischen und antiimperialistischen Radikalen und Regierungsvertretern. Damit konnte er in ganz Europa Kooperationen aufbauen und wichtige Finanzmittel sichern. Er integrierte weit entfernte Kolonialstandorte wie Singapur, Konstantinopel und Afghanistan in ein globales Netzwerk und verbreitete antibritische Propaganda unter indischen Landsleuten, die sich aufgrund des Militär- und Arbeitskräftebedarfs des Imperiums weltweit angesiedelt hatten.
Chattos Leben wirft ein Licht auf Berlin als antiimperialistisches Zentrum und gibt einen Einblick in das Leben eines kosmopolitischen Revolutionärs, der aus persönlichen Gründen und im Dienste des antikolonialen Kampfes zur Migration gezwungen war. Intellektuell durch sein Lebenswerk inspiriert und gleichzeitig in ständiger Gefahr, erlebte Chatto politische Rückschläge und Veränderungen, während ihn sein Weg ideologisch weiter nach links und geografisch weiter nach Osten führte.
Als sich nach der russischen Revolution der Kommunismus entwickelte, sah er die radikale Linke als den einzigen wahren Verbündeten des antikolonialen Kampf. Er zog nach Moskau, wo er schließlich von Stalin hingerichtet wurde. Er hinterließ jedoch ein Vermächtnis, das in antiimperialistischen Kreisen große Bewunderung erfährt.
Contact:
Toby Housden: tmehousden(at)gmail.com
References:
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Louro, Michele L.: Comrades against Imperialism: Nehru, India, and Interwar Internationalism, 2018.
Petersson, Frederik: Subversive Indian Networks in Berlin and Europe, 1914 – 1918. The History and Legacy of the Berlin Committee, 2014.
Stationen
Poesie und Politik in der Hyderabadi-Familie
Vom Studenten zum Aktivisten im Zentrum des Weltreichs: Großbritannien
Begegnung mit dem internationalen Sozialismus: Die Stuttgarter Konferenz
Publizisten und Anarchisten in Paris
Das Berliner Komitee, ein indisches nationalistisches Zentrum
Schweizer Waffenschmuggel und das Bombenattentat von Zürich
Asyl, Zurückweisungen und Ernüchterung in Stockholm
Zurück in Berlin
Die Liga gegen Imperialismus und die Brüsseler Konferenz
Nach Russland berufen