Heinrich Sam Dibonge [1889-1971]: Ein Leben zwischen Kamerun und Deutschland – Deutschland | Kamerun
Lebensgeschichten
Robbie Aitken, 2024
Die Lebensgeschichte des Kameruners Heinrich Sam Dibonge zeigt, welche Auswirkungen der Kolonialismus auf das Leben Schwarzer Männer und Frauen hatte, die zwischen Afrika und dem Deutschen Reich pendelten. Er wurde zur Zeit der deutschen Kolonialisierung in eine Elitefamilie in Douala in Kamerun, geboren. Wie viele seiner Generation wurde Dibonge von den Kolonisatoren ausgebildet, bevor er in den Dienst eines deutschen Händlers trat. Dieser brachte ihn mehrmals nach Deutschland, unter anderem in den Monaten unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Bei Kriegsende war Dibonge in Hamburg gestrandet - er konnte nicht nach Douala zurückkehren und sah seine kamerunische Frau und seine junge Familie nie wieder.
Dibonge war als deutsches „Kolonialsubjekt“, das vor 1914 keine Staatsbürgerschaft besessen hatte, in der Weimarer Republik staatenlos geworden. Unter immer schwierigeren Umständen kämpfte er darum, sich in Deutschland ein Leben aufbauen zu können. In der Nachkriegszeit hatte er als Facharbeiter bei der Firma von Theodor Zeise Erfolg, heiratete ein zweites Mal und fand Anschluss an die verstreute Schwarze Community in Deutschland. Gleichzeitig verbüßte er eine Haftstrafe und wurde von der deutschen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Situation von Dibonge und seiner deutschen Frau rapide, und das Paar war Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt.
Contact:
r.aitken@shu.ac.uk
Acknowledgements:
I am extremely grateful to B.E. for all the information she shared with me about her mother, H.B. daughter of Heinrich Sam Dibonge. In keeping with the wishes of the family, full names have not been given.
References:
Staatsarchiv Hamburg, 131-4_1930 S I/96; 213-1_1225; 351-11_11715; 351-11_20514
Robert S. Abbott: ‘My Trip Abroad.VII: Sojourning in Germany', Chicago Defender 21 December 1929, p. 10.
Written correspondence with B.E., granddaughter of Heinrich Dibonge, 2017-2020.
Robbie Aitken und Eve Rosenhaft: Black Germany - The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884-1960, Cambridge 2013.
Heiko Möhle (ed.): Branntwein, Bibeln und Bananen der deutsche Kolonialismus in Afrika: eine Spurensuche, Hamburg 1999.
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Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Projekts „Digitale Kartographierung der Hamburger Kolonialgeschichte“ verfasst. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Stiftung Historische Museen Hamburg, dem Arbeitskreis HAMBURG POSTKOLONIAL und dem Berliner Verbundprojekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“. Es wird gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und der Kulturstiftung des Bundes.
Koordination und Redaktion: Anke Schwarzer, 2024
Stationen
Kindheit in der deutschen Kolonie Kamerun
Leben als kolonialer Diener – eine erste Reise nach Deutschland
Leben zwischen Kamerun und Deutschland
Gestrandet in Hamburg
Ein Leben in Altona aufbauen
Dibonges Tochter
Staatsbürgerschaft versus Staatenlosigkeit
Überleben in Nazi-Deutschland
Ermordet in Königslutter: Wally Dibonge [1898-1941]
Ein neuer Start?
Wiederaufbau eines Lebens in Westdeutschland nach dem Krieg
Epilog: Dibonges Kinder